Die Lücken im öffentlichen Verkehr gemeinsam schließen

Mit meiner Tochter am Bahnhof wo die öffentliche Reise endet.

Seit zwanzig Jahren versuche ich beruflich für Internetnutzer eine angenehme und nahtlose “User Experience” zu schaffen. Seit drei Jahren besitze ich kein eigenes Auto mehr. Seither erlebe ich die User Experience als Nutzer von alternativen Verkehrsmitteln.

Ich kenne das Leben in der Stadt, am Stadtrand und am Land. Das Leben in der Stadt hat mich dazu bewegt, mein eigenes Auto aufzugeben. Die Reisen aufs Land erwecken jedoch meine Sehnsucht nach einem eigenen Auto immer wieder aufs neue. Je weiter die Reise von der Stadt in das Landesinnere geht, desto öfter wird die Nahtlosigkeit von Lücken unterbrochen. Das spiegelt sich aus meiner Erfahrung auch in der Einstellung der Menschen wider: Je weniger Kontaktpunkte es mit städtischen Regionen gibt, desto stärker ist auch die Meinung verbreitet, dass es auch in Zukunft keine Alternative zum eigenen Auto geben kann. Der Umkehrschluss ist jedoch auch zulässig:

Unabhängig davon wo der Lebensmittelpunkt ist — je mehr Kontaktpunkte es mit städtischen Regionen gibt, desto größer ist die Bereitschaft, Alternativen zum Privatfahrzeug in Betracht zu ziehen. Ich denke, gerade hier besteht das größte Potential, um erste Schritte in Richtung Mobilitätswende zu setzen.

Wo sind die Lücken

Die meisten Mobilitätsanbieter operieren dort, wo es eigentlich keine großen Lücken gibt. Dort wo die Dichte von Menschen am größten ist und es ohnehin gut ausgebaute öffentliche Verbindungen gibt. Die Lücken sind aber dort, wo die Wirtschaftlichkeit mit den derzeitigen Modellen nicht gegeben ist.

Abb: Die geringe Nachfrage, die herausfordernde Logistik und die schwierige Skalierbarkeit sind die Hindernisse, die MaaS-Anbieter mit Sharing-Modellen abhalten, die Lücke im öffentlichen Verkehr zu schließen. (Bilder: Google Maps)

Viele Anbieter betrachten nur den Weg, jedoch nicht das Ziel. Wir sind gewohnt, dass uns das Auto bis zum Ziel fährt. Die meisten Alternativen bringen uns jedoch nur bis zu bestimmten Sammelpunkten. Je ländlicher, desto größer werden auch die Distanzen zwischen Sammelpunkten und Endziel und desto unattraktiver wird das Service auch im Vergleich zum Privatauto.

Dort wo die großen Lücken am Land sind, ist die Benutzerfrequenz auch gering und die Kosten für den Einzelnen sind hoch. Daher sind auch ländliche Gegenden weder für Anbieter noch für den Benutzer attraktiv. Wenn Angebote entstehen, dann meist nur aufgrund von Förderungen durch öffentliche Institutionen. Viele davon fristen ein Randdasein oder werden nach einiger Zeit wieder eingestellt. Begründet wird meist damit, dass der Bedarf nicht vorhanden ist.

In vielen Fällen ist jedoch der Grund, dass die Benützung, zusätzlich zu den hohen Kosten, einfach viel unbequemer ist, als das gewohnte Auto. Mobilitätskonzepte die in Innenstadtregionen funktionieren, sind meist in ländlichen Gebieten nicht anwendbar. Darüber hinaus sind städtische Angebote meist als Zusatzangebot verfügbar, zusammen mit anderen Alternativen und bedienen nur kleine Lücken. In ländlichen Regionen müssten Alternativen permanent verfügbar sein und bis zum Ziel führen, wenn sie schlussendlich das Privatfahrzeug ersetzen sollen.

Wie entstehen die Lücken

Abseits der dicht besiedelten Innenstädte, hat sich die Infrastruktur mit dem Konzept entwickelt, dass jeder Mitbürger ein Auto zu besitzen hat. Betriebe und Einkaufsmöglichkeiten haben sich von den Ortskernen in Richtung Grüne Wiese verlagert, die genügend Fläche für Parkplätze bereitstellt. Die Zersiedelung hat die Dominanz des eigenen Autos weiter gefestigt und die Verbreitung von alternativen Lösungen weiter erschwert. Die Politik hat diese Entwicklung nicht nur zugelassen, sondern teilweise aktiv gefördert. Ein PKW pro Familie reicht in den meisten Fällen nicht mehr aus, weil Familienangehörige gleichzeitig berufliche, haushaltliche und private Mobilitätsbedürfnisse wahrnehmen müssen.

Der Parkplatz hat sich als Standardservice für Kunden, Mitarbeiter und Gäste etabliert und garantiert somit eine nahtlose Erreichbarkeit. Für Menschen ohne eigenes Auto gibt es keine vergleichbaren Standards und somit Lücken. Sie sind selbst dafür verantwortlich diese Lücken zu überwinden, obwohl die Unternehmen einen wirtschaftlichen Nutzen von der Ankunft der Verkehrsteilnehmer haben und sich räumlich immer weiter von Ihren Zielgruppen entfernen.

Die Lücken gemeinsam schließen

Auch wenn es noch kein Standard ist, bieten bereits viele Unternehmen und Tourismusbetriebe ihren Mitarbeitern und Gästen in der einen oder anderen Form Transportservices an. Meist sind das Shuttledienste vom und zum nächstgelegenen Bahnhof oder Sammeltaxis. Teilweise werden diese Services vom Unternehmen selbst angeboten, teilweise werden dazu lokale Mobilitätsangebote hinzugezogen. Dabei handelt es sich jedoch meist um isolierte Lösungen und nicht Teil einer gebündelten Gesamtlösung für eine Region.

Auch Länder und Gemeinden fördern teilweise alternative Mobilität. Diese richtet sich meist an jene Zielgruppen, die vom Individualverkehr ausgeschlossen sind. Sie werden jedoch nicht als gleichwertige Alternative zum eigenen Auto wahrgenommen.

Alle verfügbaren Angebote haben eines gemeinsam: es sind isolierte Lösungen, die nur dezentral zugänglich sind und großteils nur Teilstrecken abdecken.

Das Ziel

Unser Ziel ist es, eine gemeinsame, unabhängige Plattform zu entwickeln, die die täglichen Mobilitätsbedürfnisse der Benutzer in den Mittelpunkt stellt, damit der Besitz eines Autos nicht mehr notwendig ist bzw. damit in den ländlichen und suburbanen Regionen das eine oder andere Auto pro Haushalt aufgegeben werden kann. Zusammen mit lokaler Wirtschaft und lokaler Politik soll die Plattform die Mobilitätsangebote zusammenführen und neue innovative Lösungen fördern.

Eine App soll alle Angebote zentral zugänglich und buchbar machen. Der Benutzer ohne Auto und die nahtlose Verbindung vom Start- zum Endpunkt stehen dabei im Mittelpunkt.

Die Plattform wird mit den folgenden Schwerpunkten vorangetrieben:

  • Nahtlose Intermodalität zwischen planmäßigen öffentlichen Verkehr und bedarfsorientierten Mobilitätsangeboten
  • Einbindung von Interessenvertretern von Start- und Endpunkten sowie deren politische Repräsentanten
  • Einbindung von bestehenden — und Förderung von neuen — Mobilitätsangeboten ohne innewohnende Bevorzugung einzelner Anbieter
  • Möglichkeit, neue Mobilitätskonzepte zu testen und zu validieren
  • Das Projekt wird in Open-Source entwickelt
  • Einsatz und Förderung von API Standards zur einfachen Einbindung von Mobilitätsanbietern

Wenn wir nichts machen

Das selbstfahrende Auto wird Realität. Es ist nur noch nicht klar, ob es in 5 oder 15 Jahren kommt. Wenn es kommt, wird es den gesamten Verkehr radikal verändern. Die Frage wird sein, ob wir diese Veränderung mitgestalten, oder ob wir sie wieder multinationalen Unternehmen überlassen, wie in anderen Bereichen auch. Die Corona-Krise hat uns das speziell im E-Commerce Bereich wieder vor Augen geführt.

Google, Uber und Amazon stehen auf alle Fälle in den Startlöchern, um die Lücken nach Ihren Vorstellungen zu schließen. Das birgt vor allem in der europäischen Mobilität die Gefahr, dass das gut ausgebaute öffentliche Verkehrsnetz nicht mehr zentrales Element der Mobilitätsstrategie sein könnte und sich bei einem weiteren Bereich ein monopolartiger Zustand bildet.

Mehr Informationen zum Projekt unter sublin.app.

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Seit 20 Jahren im Bereich Digital User Experience tätig. Jetzt wende ich diese Erfahrung für sublin.app an — eine neue Mobilitätsplattform.

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Andreas Schadauer

Andreas Schadauer

Seit 20 Jahren im Bereich Digital User Experience tätig. Jetzt wende ich diese Erfahrung für sublin.app an — eine neue Mobilitätsplattform.

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